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| "... er begann das Spiel mit den geisterhaftesten Tönen, die ich je gehört, bis sie in voller Harmonie zusammenflossen und mit wunderbarer sanfter Gewalt von einem Adagio ins andere gingen."(Gottfried Keller über Schnyder von Wartensee) | ||||||||||||
Der Artikel aus dem Lexikon "Musik in Geschichte und Gegenwart" Stichwort "Glasharmonika", (ohne Abbildungen) Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages Bärenreiter und des Autors Sascha Reckert. |
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| IV. Weiterentwicklungen der Glasharmonika bis Ende des 20. Jahrhunderts
Durch Anbringung einer Tastatur, mit der z.b. befeuchtete Lederpolster gegen die rotierenden Glasschalen gedrückt wurden, erhoffte man sich eine einfachere Handhabung, wie Pohl zusammenfassend beschreibt: "In Schillings Universal-Lexikon gibt Forkel die Erfindung des Abtes Mazzuchi aus dem Jahre 1779 an, bei welcher die Glasglocken mit einem Violinbogen gespielt werden [...]. Hessel, ein deutscher Mechaniker in Petersburg, erfand 1785 eine von ihm benannte Klavierharmonika, in der drei Schichten Glocken nebeneinander angebracht waren. Für die gleiche Bauweise entschied sich 1798 der preßburger Musikprofessor und Komponist Heinrich Klein, der auch ein Schüler Kirnbergers war. 1786 versah Röllig eine einachsige Harmonika - nach fränklinscher Bauweise - mit einer Tastatur in der Art, daß man sie auch ohne spielen konnte [Abb. 6]. Er bereiste für seine Versuche die meisten Glashütten in Ungarn, böhmen und Deutschland, so daß er häufig als der eigentliche Erfinder genannt wird. Vor Röllig hatte 1784 der Hoforganist D. F. Nicolai in Görlitz eine Tastaturharmonika gefertigt und 1797/98 verfasste der Mathematikprofessor Franz Konrad Bartl aus Olmütz eine ausführliche 'Abhandlung von der Tastenharmonika'. Technische Hilfsmitel, Klaviaturen mit unterschiedlichen Mechaniken und Zusätze im Wasser ließen das Eigenthümliche des Tones, den seelenvollen, ätherischen Klang, wenn nicht unmittelbar mit den Fingern aus dem Glase hervorgezogen, gänzlich verloren gehen" (1862, s. 15). Technische Hilfsmittel dieser Art und auch Zusätze im Wasser erzeugen eine unangenehm näselnde Klangfarbe, die auch Johann Christian Müller bereits 1788 in seiner Anleitung zum Selbstunterricht (s. 45f.) bemängelt und hinzufügt: "Man hat an verschiedenen Orten [...] angefangen, der Harmonika eine Klaviatur zu geben. [...] Dadurch wird der hohe Preis einer Harmonika nicht vermindert, sondern vielmehr erhöhet". In den Jahren 1789 bis 1800 erfand der Physiker E. Fl. Fr. Chladni auf der Grundlage seiner akustischen Forschungen u.a. über längs- und transversalschwingende Saiten und Klangstäbe das Euphon und den Clavicylinder. Konstruktionsprinzip beider Instrumente ist ähnlich dem von Vibraphonplatten, in deren Mitte jeweils ein massiver Glasstab in ein entsprechendes Loch eingeklebt wurde. Reibt man einen Stab mit feuchten Fingern auf und ab, entsteht ein orgelähnlicher, voller Ton. Beim Euphon ist zu diesem Zweck für jeden Ton jeweils ein Glasstab mit einer abgestimmten Metallplatte verbunden. Die Glasstäbe ragen aus dem Gehäuse hervor und liegen wie bei einer Klaviatur vor dem Spieler nebeneinander, welche dann vor- und zurückgerieben werden. Der Clavicylinder verfügt über eine Cembalotastatur, wobei jeder Tastenhebel nach hinten verlängert ist und sich auf diesem hinteren Ende jeweils eine schmale abgestimmte und an ihren Knotenpunkten befestigte Klangplatte befindet. Jede Klangplatte ist an einem Ende mit einem kleinen Stück Filz beklebt, und bei Tastenniederdruck wird sie an eine über allen Platten befindliche, durch Fußantrieb in Rotation versetzte und vorher befeuchtete Glaswalze gedrückt, wodurch sie in Schwingung gerät. Besonders das Euphon zeichnet sich durch extrem leichte Ansprache in allen Tonlagen aus. Der mögliche Tonumfang beider Instrumente reicht bis in die Subkontraoktave und ist im Diskant etwa auf f''' begrenzt. Chladni führte beide Instrumente auf seinen Vortragsreisen mit großem Erfolg vor, doch urteilten E. T. a. Hoffmann und andere Zeitzeugen, daß das Euphon von geringerer Lautstärke sei als die Harmonika. Der Clavicylinder war klangstärker, wurde jedoch ganz einfach zu spät erfunden, um sich noch gegen das Hammerklavier durchzusetzen. Er teilte so das Schicksal der Unmenge an aufkommenden Friktionsinstrumenten, deren Entwicklung Chladni mit seinen Arbeiten ausgelöst hatte. (Vgl. E. Fl. Fr. Chladni, Beyträge zur praktischen Akustik und zur Lehre vom Instrumentenbau, s. 31: Zweyter Theil, Ueber den Bau des Clavicylinders, s. 131: Dritter Theil, Ueber den Bau des Euphon's, Lpz. 1821.) Auch die "Neue Harmonika" von Christian Friedrich Quandt, ein Instrument aus gläsernen Stimmgabeln, die an dem einen abgeknickten Schenkel durch Reibung in Längsrichtung zum Klingen gebracht wurden, geriet bald wieder in Vergessenheit (Beschreibung und Abb. in: Journal des Luxus und der Moden 1791). Eine noch nicht exakt datierbare Kombination aus Musical glasses und Harmonika wird von Frederik Willis in a Book of London Yesterdays (Nachdr. L. 1960) beschrieben: Auf drehenden kleinen Tellern waren Gläser montiert, die nur noch mit befeuchteten Fingerspitzen berührt werden mußten. Ab 1929 stellte der Stuttgarter Bruno Hoffmann (1913-1991) zur Wiedergabe der Harmonikaliteratur ein Glasspiel zusammen, dessen Aufbau den Musical glasses entsprach und auch genauso gehandhabt wurde (s. br. Hoffmann, in: MGG). Er gab diesem Instrument später den Namen "Glasharfe" ((engl. glass harp, frz. harpe de verre, ital. arpa di vetro), faszinierte in seiner 60jährigen Konzerttätigkeit ein weltweites Publikum mit dem besonderen Klang des Glases, trug viele Originalwerke durch intensive Forschungsarbeit zusammen und initiierte zahlreiche zeitgenössische Kompositionen. Hoffmann erreichte nicht zuletzt durch seine zahllosen Vorführungen in Schulen eine gewisse Allgemeinbekanntheit des Begriffes Glasharfe, wodurch heute noch selbst in Fachkreisen die (Glas-)Harmonika oft fälschlicherweise als Glasharfe bezeichnet wird. Die brüder Bernard und François Baschet entwickelten in Paris ca. 1955 ihre Metallskulpturen aus Blechen und Eisenstäben, an denen sie teilweise Glasstäbe befestigten, zu einem Musikinstrument weiter, dem Crystal, das im wesentlichen die Klangerzeugung von Chladnis Euphon entspricht, jedoch durch großflächige Blechresonatoren größere Amplituden und Nachhallzeiten aufweist. Seit 1981 baut der amerikanische Glasbläser Gerhard Finkenbeiner (Boston/Mass.) wieder Harmonikas. Er verwendet Quarzglas, das leicht bis in die viergestrichene Oktave reicht und in den hohen Tonlagen schnell anspricht, jedoch im Bass bis f herunter in der erforderlichen Größe problematisch und sehr kostenaufwendig herzustellen ist. Finkenbeiner erhält seine Schalen, indem er Quarzrohre an einer Glasbläserdrehbank erhitzt und manuell auf die gewünschte form bringt, was eine große handwerkliche Geschicklichkeit verlangt, um auf diese Weise einen komplett ineinander passenden Schalensatz für ein Instrument zu erhalten. 1983 erfand der Glasmusiker Sascha Reckert (München) das (Röhren-)Verrophon (Abb. 7). Senkrecht in einem Holzkorpus stehende Glasröhren werden an ihren oberen offenen Rändern genauso gespielt wie die Musical glasses, jedoch nimmt nicht der Durchmesser, sondern nur die Länge zum Bass hin zu. Dadurch sind je nach Lage selbst sechs- bis achtstimmige Akkorde greifbar. Die gesamte Literatur für Harmonika ist auf dem (Röhren-)Verrophon spielbar. Es findet bereits wegen seiner außergewöhnlichen Klangintensität Verwendung im symphonischen Bereich, als Orchester- und Soloinstrument, und in der zeitgenössischen Oper. 1986 nahm Reckert schließlich die Tradition der Familie Pohl wieder auf und stellt zusammen mit der Glashütte Eisch (Frauenau), zur originalgetreuen Wiedergabe der Mozartwerke und der Opernliteratur, wieder Harmonikas aus mundgeblasenem Kristallglas her (Abb. 8). 1992 verwirklichte Reckert bei den Salzburger Festspielen die Erstaufführung des vollständigen Glasharmonikaparts in Die Frau ohne Schatten, mit dem von Strauss original vorgesehenen Instrument. |
Abb. 6: Die von Karl Leopold Röllig 1786 konstruierte Klaviaturharmonika Abb. 7: Das (Röhren-)Verrophon von Sascha Reckert (München 1994) Abb. 8: Glasharmonika aus der Werkstatt von Sascha Reckert (München 1992; Tokio, Collection of the Kunitachi College of Music) |
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